Drei Gründe zur Hoffnung

Eine Saison zum Vergessen, mal wieder. Spaß hat es nicht gemacht. In den Pokalwettbewerben kann man unter’m Strich mit dem zweifachen Erreichen des Viertelfinals zwar zufrieden sein. Doch das Tagegeschäft, die Bundesliga, wurde zu stark vernachlässigt. Am Ende ließ Schalke einen Matchball nach dem anderen liegen, verlor gegen die direkten Konkurrenten und blamierte sich bei zwei Absteigern.

Ein Jahr ohne internationalen Wettbewerb – kann Schalke das wirtschaftlich überleben? Rechnet man die Abgänge heraus, darunter zahlreiche Topverdiener wie Aogo und Huntelaar, so muss man keinen wirtschaftlichen Absturz fürchten. Ein viel größeres Problem wird darin bestehen, die talentiertesten und besten Spieler zu halten. Goretzka steht auf der Wunschlist zahlreicher Top-Vereine, ebenso Meyer. Kolasinac hat sich schon verabschiedet, wahrscheinlich spielte die schlechte sportliche Perspektive eine Rolle.

Warum sollte man jetzt schon positiv in die neue Saison blicken?

2017 war ein hartes Jahr für Schalke. Die Dreifachbelastung hat ihre Spuren hinterlassen. Anfänglich klappte die Rotation gut, doch im Endspurt gingen Schalke die Spieler aus. Als Schalke dann in den beiden Pokalwettbewerben ausgeschieden ist, war es schon zu spät. Der positive Aspekt könnte in der nächsten Saison darin bestehen, dass dem Verein die Mehrbelastung durch europäische Wettbewerbe erspart bleiben. Gerade die Europa-League bereitet vielen (kleineren) Vereinen große Schwierigkeiten, zugleich ist der Ertrag und die sportliche Qualität in der Vorrunde gering.

Mut macht da ein kleiner Blick in die Vergangenheit. Seit der Jahrtausendwende qualifizierte sich Schalke dreimal nicht für einen europäischen Wettbewerb: 1999/2000 (13.), 2008/2009 (8.) und 2010/2011 (14.). Die ausgesprochen gute Nachricht: In allen Fällen reichte es ein Jahr später für einen Champions-League-Platz.  In zwei Fällen feierten die Schalke in der folgenden Saison gar die Vizemeisterschaft (2001 und 2010)! Das sind Platzierungen, von denen die Fans nur träumen können.

Positives Denken lag den Schalker Fans noch nie. Aber hoffen und träumen mit leichtem Hang zum Übermut, das konnten wir schon immer.

Nichts

Nein, das ist keine Gurken-Truppe. Sie besteht aus elf hervorragenden Spielern, die auf dem Platz stehen. Einem Weltmeister (Höwedes), zwei dreifachen Europa-League-Siegern (Konoplyanka, Coke), einem deutschen Meister (Badstuber) und vielen hochtalentierten Spielern, die gerade von halb Europa gejagt werden (z.B. Kolasinac, Goretzka).

Aber wenn diese Spielern zusammentreffen, passiert sehr oft nichts. Keine Absprache, kein Aufbäumen, kein Angriff, keine Ideen. Einfach gar nichts. Als würde man es Aussitzen wollen. Verstehen Sie sich nicht, hören Sie dem Trainer nicht zu? Niemand weiß es. Das Problem: Es geht seit Jahren so.

Nein, der Trainer kann nicht Schuld sein. Die vorherigen elf Trainer waren auch nicht Schuld, nicht alleine. Die Spielern wurden in dieser Zeit auch fast vollständig ausgetauscht. Selbst der Manager wurde jetzt zum dritten Mal getauscht. Zum Teil blühten Spieler woanders auf. Ja, es gibt viele Verletzte, aber mit dieser Mannschaft sollte man trotzdem gegen Freiburg mithalten können.

Eigentlich muss ich diese Zeilen nicht schreiben, denn: Ich weiß es auch nicht besser. Vielleicht hilft mal ein Jahr ohne Dreifachbelastung. Die Frage ist nur, wer dann überhaupt noch hier spielt. Es musste nicht zwangsläufig so kommen, aber warum es passiert, weiß auch keiner.

Pure Verzweiflung. Schalke, gibt uns was, irgendwas. Das ist keine Basis. Manchmal ist geteiltes Leid halbes Leid.

Nur noch sieben Mal motivieren

Die Liga ist gelaufen, im DFB-Pokal ist man erwartungsgemäß am Titelverteidiger gescheitert. Heute steht nun das Europa-League-Duell gegen Borussia Mönchengladbach an. Das ist nicht weniger als das wichtigste Spiel der aktuellen Saison.

Ein Sieg muss her, um sich eine gute Ausgangspositionen für das Rückspiel in Gladbach zu verschaffen. Nur ein Europa-Legaue-Sieg könnte Schalke diese Saison noch retten und würde sie mit der Champions-League-Qualifikation belohnen –  20 Jahre, nachdem die Eurofighter den „Pott in den Pott“ geholt haben.

Dieses Ziel ist aktuell in weiter Ferne. Gegen eben jene Gladbacher ging man am Sonntag sang- und klanglos mit 2:4 unter. Das ist gerade einmal vier Tage her. Zwei Gründe lassen noch ein bisschen Resthoffnung zu, dass heute alles anders und besser wird:  internationale Stärke und mangelnde Konstanz.

Erstens spielt Schalke eine äußerst gute EL-Saison. In der Gruppenphase ließen die Knappen nur einmal federn, als die Qualifikation für die nächste Runde lange feststand. Das gilt selbst für die zweite Reihe, denn Weinzierl hat gerade in der Europa League viel rotieren lassen. Etliche Topfavoriten sind bereits ausgeschieden, vor den verbleibenden Teams muss man sich nicht unbedingt verstecken.

Zweitens gibt auch Schalkes fehlende Konstanz Anlass zur Hoffnung. Das Hauptproblem liegt in dieser Saison ja nicht darin, dass alles schlecht wäre. Sondern vielmehr, dass sich Hoch- und Tiefphasen zu schnell abwechselten. Statt kontinuierliche Qualität zu bieten, muss Schalke in den Pokalwettbewerben lediglich punktuell motiviert sein. Das kann ein Vorteil sein. Schafft Weinzierl dies, kann in den verbleibenden Pokalspielen noch was möglich sein.

Schalke ist in dieser Saison mal wieder eine Wundertüte. Mit der Doppelbelastung kommen die Königsblauen traditionell nicht gut zurecht. 2011, als Schalke den letzten Titel holte, hat man die Liga als 14. beendet. Und dieses Jahr? Liebend gerne würden die Fans den finalen Platz 14 in der Bundesliga gegen den Sieg der Europa League eintauschen. Dazu muss sich die Mannschaft lediglich noch sieben Mal motvieren. Wer kann dabei helfen? Ein Motivationstrainer natürlich.

Leidenschaft, die Leiden schafft

Irgendwie hatte es Breitenreiter geschafft: die Anhänger hatten den Begriff Krise bisher vermieden. Er konnte immer den Eindruck vermitteln, dass das Teil des großen Entwicklungsprozesses wäre. Dann aber kam das Rückspiel gegen Donezk.

Es sind diese Spiele, die man nie wieder sehen wollte. Blutleeres Gekicke. Aber es war auch Breitenreiters Versprechen bei Amtsantritt, dass die Fans solche Spiele nicht mehr sehen müssen. Schalke war vom frühen Gegentor unbeeindruckt. Im negativen Sinne. Das heißt: Man spielte einfach so weiter, als stünde es noch 0:0, als wäre ein Punkt ja OK. Das Problem: Die Gruppenphase ist vorbei!

Dann war sie wieder da, dieser alte Schalker Fehlerkette. Einer schießt den Bock und alle machen mit. Ein fehlerfreies Spiel ist unrealistisch. Das schaffen Bayern oder Barcelona. Entscheidend ist jedoch, dass die Mannschaft individuelle Fehler wie die von Matip kollektiv kompensiert. Das hat die deutsche Nationalmannschaft 2014 gezeigt. Aber Schalke hat solch ein Team schon sehr lange nicht mehr gehabt. Das hat auch nicht unbedingt etwas mit dem Alter zu tun, das zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Kader.

In den letzten Jahren wurde vor allem auf die technische Qualität der Neuverpflichtungen geachtet. Im Ergebnis wurden Transfers wie der von Sam oder Boateng getätigt. Doch das ist der große Irrglaube. Seit Jahren ist Schalke nicht in der Lage, fünf, sechs Stammspieler aufzubieten, die das bieten, was die Fans verlangen: Kampfbereitschaft. Wer kann aktuell als Publikumsliebling bezeichnet werden? Vielleicht Uchida, aber der hat in dieser Saison noch gar nicht gespielt. Vor ihm? Asamoah. Und davor? Dann sind wir fast schon wieder im Jahr 1997, als das ganze Team aus Publikumslieblingen bestand.

Publikumsliebling werden Spieler, die immer 100% geben. Sicher, hätte es Heller statt Boateng geheißen, hätten sich einige Fans staunend umgesehen. Aber die Kritik an der Erwartungshaltung des Publikums, die Breitenreiter und Fährmann formulierten, ist nicht das größte Problem. Es ist vielmehr die Erwartungshaltung von Tönnies und Manager. Von Saison zu Saison sucht man nach dem Puzzleteil, das den Kader komplettiert. Verkannt wird, dass es vielen Spielern im Kader schon an der richtigen Grundeinstellung mangelt.

Problem zwei ist hinlänglich bekannt und beschreibt den Leistungseinbruch von Neuverpflichtungen. Boateng und Sam sind nur die Spitze des Eisberges. In dieser Saison ist es Di Santo. Eigentlich ein Stürmer für 15 Tore, doch auf Schalke trifft er nichts. Auch Höjbjerg muss man hier erwähnen, denn er wurde ausgeliehen, um der Mannschaft sofort zu helfen. Andererseits ist es auch ein Offenbarungseid, wenn Breitenreiter eben jene Spieler immer wieder beruft. Sicherlich ist Di Santo aufgrund der Verletzungen und nicht von Trainingsleitungen in den Kader gerutscht, doch vielleicht sollte man lieber (weiter) auf frische Jugendspieler setzen.

Damit verbunden ist Problem drei, die mangelnde Konstanz. Sowas wie zehn Spiele ohne Niederlage gab es seit gefühlten Jahrzehnten nicht mehr. Und falls doch, dann lief es vorher oder nachher so schlecht, dass man über dieses Polster nur froh sein konnte. Zu Saisonbeginn gab es zum Beispiel fünf Siegen, die der November dann egalisiert hat. Noch einmal: Niemand verlangt den Gewinn der Meisterschaft. Es geht um Tugenden, die von den Underdogs wie Paderborn, Darmstadt, früher Mainz, ganz früher Cottbus an den Tag gelegt wurden. Das Gefühl, dass man noch in der 90. den Ausgleich schießen kann. Das kann man nicht lernen. Wenn die Mannschaft nicht im Kern aus solchen Mitspielern besteht, dann passiert das, was wir seit Jahren beobachten. Durchwurschteln ohne Plan. Aber die Luft wird dünner. Konkurrenten wie Gladbach oder Leverkusen haben aber eine Idee, wie sie Fußball spielen wollen, und wenn sich Projekte wie Mainz kontinuierlich weiterentwickeln, werden wir überholt.

Wenn diese Nachricht nicht bei Heidel ankommt, wird sich auch unter ihm nicht viel ändern. Man braucht einen Masterplan und dieser muss langfristig umgesetzt werden. Aber wenn Tönnies weiter Öl ins Feuer gießt, völlig überbewertete Spieler wie Boateng holt, um kurzfristig Stimmung zu machen und gleichzeitig Eintrittspreise erhöht, erzeugt er Erwartungen, die nicht erfüllt werden können. Gerade deswegen muss man unbedingt am Trainer festhalten. Er soll jetzt die Konstante darstellen, die dem Verein bislang fehlte.