Drei Gründe zur Hoffnung

Eine Saison zum Vergessen, mal wieder. Spaß hat es nicht gemacht. In den Pokalwettbewerben kann man unter’m Strich mit dem zweifachen Erreichen des Viertelfinals zwar zufrieden sein. Doch das Tagegeschäft, die Bundesliga, wurde zu stark vernachlässigt. Am Ende ließ Schalke einen Matchball nach dem anderen liegen, verlor gegen die direkten Konkurrenten und blamierte sich bei zwei Absteigern.

Ein Jahr ohne internationalen Wettbewerb – kann Schalke das wirtschaftlich überleben? Rechnet man die Abgänge heraus, darunter zahlreiche Topverdiener wie Aogo und Huntelaar, so muss man keinen wirtschaftlichen Absturz fürchten. Ein viel größeres Problem wird darin bestehen, die talentiertesten und besten Spieler zu halten. Goretzka steht auf der Wunschlist zahlreicher Top-Vereine, ebenso Meyer. Kolasinac hat sich schon verabschiedet, wahrscheinlich spielte die schlechte sportliche Perspektive eine Rolle.

Warum sollte man jetzt schon positiv in die neue Saison blicken?

2017 war ein hartes Jahr für Schalke. Die Dreifachbelastung hat ihre Spuren hinterlassen. Anfänglich klappte die Rotation gut, doch im Endspurt gingen Schalke die Spieler aus. Als Schalke dann in den beiden Pokalwettbewerben ausgeschieden ist, war es schon zu spät. Der positive Aspekt könnte in der nächsten Saison darin bestehen, dass dem Verein die Mehrbelastung durch europäische Wettbewerbe erspart bleiben. Gerade die Europa-League bereitet vielen (kleineren) Vereinen große Schwierigkeiten, zugleich ist der Ertrag und die sportliche Qualität in der Vorrunde gering.

Mut macht da ein kleiner Blick in die Vergangenheit. Seit der Jahrtausendwende qualifizierte sich Schalke dreimal nicht für einen europäischen Wettbewerb: 1999/2000 (13.), 2008/2009 (8.) und 2010/2011 (14.). Die ausgesprochen gute Nachricht: In allen Fällen reichte es ein Jahr später für einen Champions-League-Platz.  In zwei Fällen feierten die Schalke in der folgenden Saison gar die Vizemeisterschaft (2001 und 2010)! Das sind Platzierungen, von denen die Fans nur träumen können.

Positives Denken lag den Schalker Fans noch nie. Aber hoffen und träumen mit leichtem Hang zum Übermut, das konnten wir schon immer.

Ein Motivationsproblem – seit Jahren

Am letzten Wochenende hat Schalke eine überraschend couragierte Leistung gegen den FC Bayern gezeigt und immerhin einen Punkt entführt. Damit hatte nach den Vorstellungen gegen Ingolstadt und Frankfurt wohl kaum jemand gerechnet.

Doch der gute Auftritt steht in einer Reihe respektabler Leistungen der letzten Jahre, die Schalke gegen große Namen erzielen konnte. Gerne erinnern wir uns an die Champions League Saison 15/16, als man in der Gruppenphase einen Punkt gegen Chelsea mitnehmen konnte und im Achtelfinale sehr unglücklich nach einem 4:3 Sieg gegen Real Madrid rausflog. Gemessen an den sportlich wie wirtschaftlich Unterschieden wurden auch immer wieder gute Ergebnisse oder zumindest Vorstellungen gegen Dortmund abgeliefert.

Allerdings folgen auf derartige Glanzstunden gerne auch Grottenkicks gegen Mannschaften aus dem Mittelfeld (zu denen man den FC Schalke auch schon zählen muss) oder Tabellenkeller. Mit der Favoritenrolle kommt Schalke nicht zurecht. Das macht deutlich, dass der Verein und die Spieler, die ihn vertreten, seit etlichen Jahren ein Motivationsproblem haben, was durch mangelnde Konstanz verstärkt wird. Ganz besonders schlecht sah es meistens gegen die vermeintlichen Überraschungsteams der Saison aus.

Diese Eigenschaft muss man leider als Charakterschwäche des Teams auslegen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass der Star-Status vieler junger Spiele eine gewisse Sättigung mit sich bringt. Gegen die großen Namen gibt man gerne alles, schließlich kann man durch solche Spiele auf sich aufmerksam machen und den eigenen Marktwert in die Höhe treiben. Doch das „Tagesgeschäft“ heißt Ingolstadt, Darmstadt und Augsburg.

Das böse Wort der „Bonusspiele“ kann man jetzt wieder hervorkramen. Eine äußerst unglückliche Äußerung, die Breitenreiter damals getätigt hat, doch im Kern hatte er recht. Ein Punkt gegen Bayern bringt rein gar nichts, wenn man gegen die direkten Konkurrenten verliert. Das sind die Spiele, die gewonnen werden müssen, die sogenannten Sechs-Punkte-Spiele. Solch ein Spiel war das Heimspiel gegen Frankfurt.

Ein Punkt nimmt man aus München gerne mit, aber wenn man das Spiel davor und danach verliert, ist er wertlos. Am Wochenende empfängt man Hertha BSC in der heimischen Arena. Das nächste Sechs-Punkte-Spiel. Ohne einen Sieg kann man die letzten Hoffnungen auf eine Qualifikation zur Europa League begraben.

Das ewige Lazarett: Gibt es einen „Schalke-Effekt“?

Mit einer 2:1 Niederlage in Hamburg hat Schalke die Hinrunde und das Jahr 2016 beendet. „Endlich!“, werden die meisten nun denken. Aktuell sieht es nicht danach aus, als würde Schalke im nächsten Jahr wieder international spielen.

Die Halbserie begann denkbar schlecht. Fünf Niederlagen aus fünf Spielen bedeuteten den schlechtesten Saisonstart aller Zeiten. Glücklicherweise konnte man diesen Negativtrend aufhalten und sich über starke Auftritte in der Europa League Selbstbewusstsein zurückholen. Diese Serie fand mit der unglücklichen 2:1 Niederlage in Leipzig allerdings wieder ein jähes Ende. Ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt, denn Schalke war auf einem guten Weg Kontakt zu den internatinonalen Plätzen herzustellen.

Ein Punkt aus den letzten vier Spielen vor der Winterpause lässt die Knappen tabellarisch wieder abstürzen. Momentan ist man dem Relegationsplatz näher als Platz sechs. Das Team hatte gerade gegen Ende der Hinrunde zahlreiche Verletzte zu beklagen. Schalke und das volle Lazarett, ein jährlich wiederkehrendes Thema. Als Fan hat man das Gefühl, dass an Schalke ein Fluch haftet und Neuzugänge sowie Leistrungsträger in unschöner Regelmäßigkeit lange Zwangspausen einlegen müssen.

Es ist unstrittig, dass die Verletztenliste der Schalker über die letzten Jahre betrachtet länger ist und war als bei anderen Bundesligisten. Insbesondere Leistungsträger wie Kapitän Höwedes fallen häufig aus. Das kann, grob skizziert, zwei Ursachen haben, sofern man nicht an schlichtes Pech glauben mag. Entweder verfplichtet der Verein tendenziell verletzungsanfälligere Spieler oder trainiert/spielt auf eine Art und Weise, die eher Verletzungen hervorruft.

Aus dem aktuellen Kader sind etliche Spieler dabei, die in den letzten fünf Jahren immer wieder verletzungsbedingt pausieren mussten, wie die individuellen Verletzungshistorien auf transfermarkt.de zeigen. Dabei lassen sich vier Gruppen unterscheiden. Einschließlich aktueller Verletzungen sowie der Ausfälle bei ehemaligen Vereinen fielen Coke, Embolo, Choupo-Moting, Avdijaj und Di Santo in diesem Zeitraum ca. 30 Spiele lang aus, also in etwa eine Bundesligasaison lang. Kolasinac, Fährmann und Goretzka haben in dieser Zeit gut 1,5 Saisons verpasst. Giefer, Huntelaar und Aogo bewegen sich mit über 60 ausgefallenen Spielen sogar auf dem Niveau von im Schnitt zwei verpassten Spielzeiten. Die meisten Spiele haben jedoch Nastasic (77), Sam (87), Höwedes (95) und Uchia (116) verletzungsbedingt nicht bestreiten können. Insbesondere bei den jüngeren Spielern (Embolo, Avdijaj, Kolasinac, Goretzka) ist zu bedenken, dass diese zum Teil seit weniger als fünf Profijahren aktiv sind.

Höwedes, Kolasinac, Fährmann und Avdijaj können als verletzungsanfällige Eigengewächse bezeichnet werden. Andere Spieler wie Nastasic, Aogo, Bentaleb, Sam, Di Santo und Choupo-Moting wurden bereits mit einer längeren Krankenakte im Gepäck verpflichtet. Das Risiko war hier also bekannt. Aus dieser Gruppe hat lediglich Choupo-Moting diese Anfälligkeit in den Griff bekommen, alle anderen verpassen auch auf Schalke regelmäßig Partien. Zu den interessanten Fällen gehören Giefer, Embolo, Huntelaar, Goretzka, Coke und Uchida, die bei ihren alten Vereinen noch nicht regelmäßig ausfielen. Seit seinem Muskelbündelriss im Jahr 2014 scheint lediglich Goretzka auf einem guten Weg zu sein und an körperlicher Robustheit gewonnen zu haben. Bei Embolo und Coke ist dies freilich noch nicht abzuschätzen. Gemeinsam mit den verletzungsanfälligen Eigengewächse kommt man also auf gut zehn Spieler, bei denen ein „Schalke-Effekt“ in Betracht kommt. Einige Spieler galten aber schon bei ihrer Verpflichtung als anfällig, was aufgrund sinkender sportlicher und finanzieller Perspektive der letzten Schalker Jahre einen Transfer überhaupt erst ermöglichte.

Eine mögliche Ursache wäre ein kräftezehrender Spielstil, der beispielsweise bei den Rivalen aus Dortmund mit der hohen Ausfallquote der Spieler in Verbindung gebracht wurde. Auf Schalke wurde hingegen solch ein laufintensives Gegenpressing von keinem der letzten Trainer verfolgt. Eine zweite Möglichkeit besteht darin, dass die Kondition der Spieler unterdurchschnittlich ist und sich die Spieler in Folge von Übermüdung im Spiel oder Training verletzen. Eine durchaus realistische Einschätzung, die beispielsweise mit dem schlechten Saisonstart oder den regelmäßigen Formeinbrüchen aufgrund von Doppelbelastungen im Einklang steht. Weinzierl hat dies wohl erkannt und setzt verstärkt auf Rotation, was Mitte der Hinrunde gut funktionierte. Schließlich könnte es auch sein, dass die medizinische Abteilung der Schalker nicht ideal arbeitet und beispielsweise nach Verletzungen zu früh wiedereinsteigen lässt oder risikoreichere Behandlungen bevorzugt. Allerdings wäre auch das Gegenteil möglich, die Mannschaftsärzte also vorsichtiger agieren und Spieler lieber schonen als sie angeschlagen auflaufen zu lassen.

Die Verletzungsmisere auf Schalke ist ein Thema, das den Verein in den letzten Jahren beschäftigt hat. Die Zahlen legen dabei nahe, dass die Situation nicht nur mit mangelndem Glück erklärt werden kann. Fallen Stammspieler erst einmal aus, leiden darunter natürlich die Leistungen. Aktuell ist es beispielsweise ohne fitten Stürmer schwierig Tore zu schießen. Doch die Frage, inwieweit der Verein daran eine Teilschuld trägt, bleibt offen. Bleibt zu hoffen, dass sie wenigstens intern diskutiert wird.

Konstanz ist eine Stadt am Bodensee

So ein wenig drohte Euphorie aufzuflammen. Das war am Donnerstag. Schalke spielt Nizza fast an die Wand. Am Ende stand es zwar nur 0:1 für die Blau-Weißen, doch der Sieg war zu keinem Zeitpunkt gefährdet. Man hatte die Partie im Griff, gar kontrolliert. Am Ende waren alle zufrieden und blickten mit freudigen Erwartungen auf das nächste Bundesligawochenende.

Heute, am Montag, sieht die Welt schon wieder anders aus. Schalke hat sich am Sonntagabend nicht mit Ruhm bekleckert und 0:2 in Berlin verloren. Konstanz und Schalke trennen nicht nur geografisch Welten. Es stehen nun 0 Tore und 0 Punkte nach drei Spielen zu Buche. Das Bayern-Spiel wurde zwar schon im Vorfeld abgehakt, doch mindestens drei Punkte hätte man sich zu diesem Zeitpunkt schon erhofft.

Leider patzten gerade die beiden neuen Mittelfeldmotoren Bentaleb und Stambouli, die gegen Nizza noch so stark aufspielten. Vor allem wurde jedoch offensichtlich, dass im Sturmzentrum noch nicht viel zusammenläuft. Huntelaar ist nach wie vor ein guter Strafraumspieler und Weinzierl hält große Stücke auf ihn, doch der moderne, laufintensive Fußball scheint ihn zunehmende zu überfordern. Embolo ist noch nicht drin und auch der Trainer weiß noch nicht so richtig, was er mit ihm anfangen soll. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn er wird Zeit brauchen. Doch leider verkaufte Schalke vor wenigen Wochen Toptorjäger Sané. Damit stellt sich die Frage: Wer soll nun eigentlich die Tore schießen?

Der Weg in dieser Saison wird steinig werden und wahrscheinlich von vielen Rückschlägen geprägt sein. Am Mittwoch wartet das Heimspiel gegen Köln. Unterschiedlicher könnten die Voraussetzungen nicht sein, denn die Kölner startet mit sieben Punkten sehr gut in die Saison. Zudem trifft dann die rheinische Defensive ohne Gegentore auf einen torlosen Angriff von der Ruhr – keine schönen Aussichten für den FC Schalke. Doch ein Sieg muss in jedem Fall her, denn schon jetzt gilt: Die Konkurrenz schläft nicht und punktet fleißig. Ansonsten bleibt ja noch die vage Hoffnung, dass man sich dieses Jahr ein bisschen später aus den Pokalwettbewerben verabschiedet…

Nach dem Fehlstart

Was soll das heute Abend nur geben? Alles andere als eine kräftige Abreibung wäre eine große Überraschung. Bei Bayern läuft es bereits wie am Schnürchen, bei Schalke hingegen noch gar nicht. Das 0:1 in Frankfurt war kein überzeugender Auftritt. Andererseits: Kann man besseren Fußball als in der letzten Saison erwarten, wenn die Startelf bis auf Naldo aus denselben Spielern besteht, die schon in der letzten Saison nicht überzeugt haben?

Nach dem großen Umbruch war allerdings klar, dass es zu Startschwierigkeiten kommen könnte. Mit Sané wurde der beste Spieler verkauft. So wurde im letzten Jahr auch mit Julian Draxler verfahren. Der Preis, den Manchester City zahlte, stimmte zwar, doch Schalke hätte sich um eine Sofortausleihe bemühen sollen. Das wäre eine Win-Win-Situation gewesen, denn Sané wird in seiner ersten Saison eher die Bank drücken. Auf Schalke hat er hingegen eine riesige Lücke hinterlassen.

Ein wenig irritierend war es, dass ein Großteil dieser Einnahmen in den Transfer von Embolo reinvestiert wurden. Angesichts hoher Personalkosten, Verschuldung und einer sportlichen Perspektive, die am Ende der Saison wieder eher Euro-League als Champions-League lauten wird, hätte man lieber einen größeren Teil dieser Einnahmen einbehalten sollen. Eine Alternative wäre beispielsweise Gnabry gewesen, der nun zu Werder Bremen gewechselt ist. Sicherlich kein Heilsbringer, aber jemand, der Potential mitbringt und finanziell ein geringes Risiko darstellt.

Andererseits hat Heidel jetzt schon bewiesen, dass er Ruhe in den Verein bringt. Sehr unaufgeregt wurden international erfahrene Spieler wie Coke zu einem guten Preis verpflichtet. Die risikoarmen Leihen von Baba und Bentaleb machen absolut Sinn. Auf Schalke ist es kein schlechtes Zeichen, wenn ein Neuzugang aus dem Hut gezaubert wird, ohne dass er bereits seit fünf Wochen in den Boulevardmedien gehandelt wurde.

Und wieder einmal braucht der Verein Zeit. Das gilt für den Manager, den Trainer und die zahlreichen Neuzugänge. Wieder einmal bleibt jedoch offen, ob der Verein die nötige Geduld mitbringen wird. Der Fehlstart mit zwei Niederlagen kann fest eingeplant werden, denn gegen die Bayern gibt es nichts zu holen. Aber danach muss es weitergehen.

Schon am Limit?

Sehnsüchtig, ja neidisch hat der Durchschnittsschalker das Spiel des Erzrivalen gegen den FC Liverpool verfolgt. Nicht weniger als eine Aufholjagd konnte bestaunt werden. Aufholjagd, das ist ein Fremdwort für die Fans des S04. Um eine solche starten zu können, braucht es maximalen Einsatz.Geschenkt, Liverpool und Dortmund sind eine andere Liga. Technisch, ohne Frage. Aber eben auch auf der Mentalitätsebene. Wie Millner in der 91. Minute dem Ball hinterhersprintet, ihn mit letzter Kraft hineinflankte und Lovren zum 4:6 einnickte, sowas hat man als Schalker schon lange nicht mehr gesehen. Zwischendurch stand es ja auch mal 3:1 für den BVB.

Letzte Woche im Derby gab es Ansätze. Die Mannschaft lag zweimal zurück und legte zweimal nach. Irgendwo scheint im tiefsten Innern jedes Einzelnen also so etwas wie „die richtige Einstellung“ versteckt zu sein. Doch das Problem ist bekanntermaßen nicht das mangelnde Können, sondern das Können regelmäßig abzurufen. Im Derby zeigte selbst Huntelaar, der regelmäßig in Lethargie verfällt, dass man auch als einzige Spitze gegen einen defensiv starken Gegner mit maximalem Einsatz Akzente setzen kann. Die Zufriedenheit nach dem Spiel lässt die Frage aufkeimen: Ist Schalke schon am Limit?

Die mangelnde Konstanz ist, so wie ich es in meinem letzten Beitrag bereits beschrieben habe, die alte Schalker Kinderkrankheit, die seit Jahren niemand in den Griff bekommt. Besser gesagt: Die schon zu viele in den Griff bekommen wollten und sollten. Die mangelnde Konstanz der Mannschaft geht mit der mangelnden Konstanz auf der Führungsebene einher. Fünf Trainer in sechs Jahren mögen Bände sprechen, doch vier Manager in zehn Jahren setzt dem Ganzen die Krone auf. Christian Heidel war fast 25 Jahre im Vorstand des FSV Mainz 05 tätig, bevor er im Juni die Nr. 5 in dieser Reihe wird.

Wer sich diese Zahlen ansieht, darf sich eigentlich nicht mehr wundern. Kontinuität fehlt beim FC Schalke auf allen Ebenen. Und so scheint es fast schon logisch, dass der Verein eine Achterbahnfahrt nach der anderen hinlegt. Seit mindestens zehn Jahren, wenn nicht gar seit Inbetriebnahme der Arena, sind die Erwartungshaltungen von Fans und Verantwortlichen groß und werden mit jedem Rückschlag noch viel größer. Auf Kurzfristlösung folgt Kurzfristlösung. Leider schaukeln sich an dieser Stelle Erwartungshaltungen von Fans und Verantwortlichen nur zu gerne gegenseitig hoch.

Neuster Auswuchs dieser Kontinuitätskatastrophe ist nun die Forderungen, Breitenreiter müsse gehen und beispielsweise durch Weinzierl ersetzt werden. Im Grund genommen ein Tausch, denn wie bei Breitenreiter handelt es sich bei Weinzierl um einen jungen, talentierten Trainer, der mit einer unbekannten Mannschaft ohne große Vereinsgeschichte (damit ohne große Erwartungen) gute Arbeitet geleistet hat. Breitenreiter hat in dieser Saison Fehler gemacht, teils taktische, teils in der Außendarstellung. Doch daraus wird er lernen und in der nächsten Saison gestärkt weiterarbeiten – wenn man ihn denn lässt. Man ist inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem jede Konstanz besser ist als der Status Quo.

Wenn man die Saison einigermaßen ordentlich zu Ende spielt, dann winkt im nächsten Jahr die Europe-League-Teilnahme. Ein Wettbewerb, in dem die Schalker in diesem Jahr übrigens grandios gescheitert sind und selbst Borussia Dortmund im Viertelfinale ausgeschieden ist. Die Champions League ist mit Hinblick auf die Tabellensituation reine Utopie und mindestens eine Nummer zu groß für die Knappen.

Leidenschaft, die Leiden schafft

Irgendwie hatte es Breitenreiter geschafft: die Anhänger hatten den Begriff Krise bisher vermieden. Er konnte immer den Eindruck vermitteln, dass das Teil des großen Entwicklungsprozesses wäre. Dann aber kam das Rückspiel gegen Donezk.

Es sind diese Spiele, die man nie wieder sehen wollte. Blutleeres Gekicke. Aber es war auch Breitenreiters Versprechen bei Amtsantritt, dass die Fans solche Spiele nicht mehr sehen müssen. Schalke war vom frühen Gegentor unbeeindruckt. Im negativen Sinne. Das heißt: Man spielte einfach so weiter, als stünde es noch 0:0, als wäre ein Punkt ja OK. Das Problem: Die Gruppenphase ist vorbei!

Dann war sie wieder da, dieser alte Schalker Fehlerkette. Einer schießt den Bock und alle machen mit. Ein fehlerfreies Spiel ist unrealistisch. Das schaffen Bayern oder Barcelona. Entscheidend ist jedoch, dass die Mannschaft individuelle Fehler wie die von Matip kollektiv kompensiert. Das hat die deutsche Nationalmannschaft 2014 gezeigt. Aber Schalke hat solch ein Team schon sehr lange nicht mehr gehabt. Das hat auch nicht unbedingt etwas mit dem Alter zu tun, das zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Kader.

In den letzten Jahren wurde vor allem auf die technische Qualität der Neuverpflichtungen geachtet. Im Ergebnis wurden Transfers wie der von Sam oder Boateng getätigt. Doch das ist der große Irrglaube. Seit Jahren ist Schalke nicht in der Lage, fünf, sechs Stammspieler aufzubieten, die das bieten, was die Fans verlangen: Kampfbereitschaft. Wer kann aktuell als Publikumsliebling bezeichnet werden? Vielleicht Uchida, aber der hat in dieser Saison noch gar nicht gespielt. Vor ihm? Asamoah. Und davor? Dann sind wir fast schon wieder im Jahr 1997, als das ganze Team aus Publikumslieblingen bestand.

Publikumsliebling werden Spieler, die immer 100% geben. Sicher, hätte es Heller statt Boateng geheißen, hätten sich einige Fans staunend umgesehen. Aber die Kritik an der Erwartungshaltung des Publikums, die Breitenreiter und Fährmann formulierten, ist nicht das größte Problem. Es ist vielmehr die Erwartungshaltung von Tönnies und Manager. Von Saison zu Saison sucht man nach dem Puzzleteil, das den Kader komplettiert. Verkannt wird, dass es vielen Spielern im Kader schon an der richtigen Grundeinstellung mangelt.

Problem zwei ist hinlänglich bekannt und beschreibt den Leistungseinbruch von Neuverpflichtungen. Boateng und Sam sind nur die Spitze des Eisberges. In dieser Saison ist es Di Santo. Eigentlich ein Stürmer für 15 Tore, doch auf Schalke trifft er nichts. Auch Höjbjerg muss man hier erwähnen, denn er wurde ausgeliehen, um der Mannschaft sofort zu helfen. Andererseits ist es auch ein Offenbarungseid, wenn Breitenreiter eben jene Spieler immer wieder beruft. Sicherlich ist Di Santo aufgrund der Verletzungen und nicht von Trainingsleitungen in den Kader gerutscht, doch vielleicht sollte man lieber (weiter) auf frische Jugendspieler setzen.

Damit verbunden ist Problem drei, die mangelnde Konstanz. Sowas wie zehn Spiele ohne Niederlage gab es seit gefühlten Jahrzehnten nicht mehr. Und falls doch, dann lief es vorher oder nachher so schlecht, dass man über dieses Polster nur froh sein konnte. Zu Saisonbeginn gab es zum Beispiel fünf Siegen, die der November dann egalisiert hat. Noch einmal: Niemand verlangt den Gewinn der Meisterschaft. Es geht um Tugenden, die von den Underdogs wie Paderborn, Darmstadt, früher Mainz, ganz früher Cottbus an den Tag gelegt wurden. Das Gefühl, dass man noch in der 90. den Ausgleich schießen kann. Das kann man nicht lernen. Wenn die Mannschaft nicht im Kern aus solchen Mitspielern besteht, dann passiert das, was wir seit Jahren beobachten. Durchwurschteln ohne Plan. Aber die Luft wird dünner. Konkurrenten wie Gladbach oder Leverkusen haben aber eine Idee, wie sie Fußball spielen wollen, und wenn sich Projekte wie Mainz kontinuierlich weiterentwickeln, werden wir überholt.

Wenn diese Nachricht nicht bei Heidel ankommt, wird sich auch unter ihm nicht viel ändern. Man braucht einen Masterplan und dieser muss langfristig umgesetzt werden. Aber wenn Tönnies weiter Öl ins Feuer gießt, völlig überbewertete Spieler wie Boateng holt, um kurzfristig Stimmung zu machen und gleichzeitig Eintrittspreise erhöht, erzeugt er Erwartungen, die nicht erfüllt werden können. Gerade deswegen muss man unbedingt am Trainer festhalten. Er soll jetzt die Konstante darstellen, die dem Verein bislang fehlte.