Das ewige Lazarett: Gibt es einen „Schalke-Effekt“?

Mit einer 2:1 Niederlage in Hamburg hat Schalke die Hinrunde und das Jahr 2016 beendet. „Endlich!“, werden die meisten nun denken. Aktuell sieht es nicht danach aus, als würde Schalke im nächsten Jahr wieder international spielen.

Die Halbserie begann denkbar schlecht. Fünf Niederlagen aus fünf Spielen bedeuteten den schlechtesten Saisonstart aller Zeiten. Glücklicherweise konnte man diesen Negativtrend aufhalten und sich über starke Auftritte in der Europa League Selbstbewusstsein zurückholen. Diese Serie fand mit der unglücklichen 2:1 Niederlage in Leipzig allerdings wieder ein jähes Ende. Ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt, denn Schalke war auf einem guten Weg Kontakt zu den internatinonalen Plätzen herzustellen.

Ein Punkt aus den letzten vier Spielen vor der Winterpause lässt die Knappen tabellarisch wieder abstürzen. Momentan ist man dem Relegationsplatz näher als Platz sechs. Das Team hatte gerade gegen Ende der Hinrunde zahlreiche Verletzte zu beklagen. Schalke und das volle Lazarett, ein jährlich wiederkehrendes Thema. Als Fan hat man das Gefühl, dass an Schalke ein Fluch haftet und Neuzugänge sowie Leistrungsträger in unschöner Regelmäßigkeit lange Zwangspausen einlegen müssen.

Es ist unstrittig, dass die Verletztenliste der Schalker über die letzten Jahre betrachtet länger ist und war als bei anderen Bundesligisten. Insbesondere Leistungsträger wie Kapitän Höwedes fallen häufig aus. Das kann, grob skizziert, zwei Ursachen haben, sofern man nicht an schlichtes Pech glauben mag. Entweder verfplichtet der Verein tendenziell verletzungsanfälligere Spieler oder trainiert/spielt auf eine Art und Weise, die eher Verletzungen hervorruft.

Aus dem aktuellen Kader sind etliche Spieler dabei, die in den letzten fünf Jahren immer wieder verletzungsbedingt pausieren mussten, wie die individuellen Verletzungshistorien auf transfermarkt.de zeigen. Dabei lassen sich vier Gruppen unterscheiden. Einschließlich aktueller Verletzungen sowie der Ausfälle bei ehemaligen Vereinen fielen Coke, Embolo, Choupo-Moting, Avdijaj und Di Santo in diesem Zeitraum ca. 30 Spiele lang aus, also in etwa eine Bundesligasaison lang. Kolasinac, Fährmann und Goretzka haben in dieser Zeit gut 1,5 Saisons verpasst. Giefer, Huntelaar und Aogo bewegen sich mit über 60 ausgefallenen Spielen sogar auf dem Niveau von im Schnitt zwei verpassten Spielzeiten. Die meisten Spiele haben jedoch Nastasic (77), Sam (87), Höwedes (95) und Uchia (116) verletzungsbedingt nicht bestreiten können. Insbesondere bei den jüngeren Spielern (Embolo, Avdijaj, Kolasinac, Goretzka) ist zu bedenken, dass diese zum Teil seit weniger als fünf Profijahren aktiv sind.

Höwedes, Kolasinac, Fährmann und Avdijaj können als verletzungsanfällige Eigengewächse bezeichnet werden. Andere Spieler wie Nastasic, Aogo, Bentaleb, Sam, Di Santo und Choupo-Moting wurden bereits mit einer längeren Krankenakte im Gepäck verpflichtet. Das Risiko war hier also bekannt. Aus dieser Gruppe hat lediglich Choupo-Moting diese Anfälligkeit in den Griff bekommen, alle anderen verpassen auch auf Schalke regelmäßig Partien. Zu den interessanten Fällen gehören Giefer, Embolo, Huntelaar, Goretzka, Coke und Uchida, die bei ihren alten Vereinen noch nicht regelmäßig ausfielen. Seit seinem Muskelbündelriss im Jahr 2014 scheint lediglich Goretzka auf einem guten Weg zu sein und an körperlicher Robustheit gewonnen zu haben. Bei Embolo und Coke ist dies freilich noch nicht abzuschätzen. Gemeinsam mit den verletzungsanfälligen Eigengewächse kommt man also auf gut zehn Spieler, bei denen ein „Schalke-Effekt“ in Betracht kommt. Einige Spieler galten aber schon bei ihrer Verpflichtung als anfällig, was aufgrund sinkender sportlicher und finanzieller Perspektive der letzten Schalker Jahre einen Transfer überhaupt erst ermöglichte.

Eine mögliche Ursache wäre ein kräftezehrender Spielstil, der beispielsweise bei den Rivalen aus Dortmund mit der hohen Ausfallquote der Spieler in Verbindung gebracht wurde. Auf Schalke wurde hingegen solch ein laufintensives Gegenpressing von keinem der letzten Trainer verfolgt. Eine zweite Möglichkeit besteht darin, dass die Kondition der Spieler unterdurchschnittlich ist und sich die Spieler in Folge von Übermüdung im Spiel oder Training verletzen. Eine durchaus realistische Einschätzung, die beispielsweise mit dem schlechten Saisonstart oder den regelmäßigen Formeinbrüchen aufgrund von Doppelbelastungen im Einklang steht. Weinzierl hat dies wohl erkannt und setzt verstärkt auf Rotation, was Mitte der Hinrunde gut funktionierte. Schließlich könnte es auch sein, dass die medizinische Abteilung der Schalker nicht ideal arbeitet und beispielsweise nach Verletzungen zu früh wiedereinsteigen lässt oder risikoreichere Behandlungen bevorzugt. Allerdings wäre auch das Gegenteil möglich, die Mannschaftsärzte also vorsichtiger agieren und Spieler lieber schonen als sie angeschlagen auflaufen zu lassen.

Die Verletzungsmisere auf Schalke ist ein Thema, das den Verein in den letzten Jahren beschäftigt hat. Die Zahlen legen dabei nahe, dass die Situation nicht nur mit mangelndem Glück erklärt werden kann. Fallen Stammspieler erst einmal aus, leiden darunter natürlich die Leistungen. Aktuell ist es beispielsweise ohne fitten Stürmer schwierig Tore zu schießen. Doch die Frage, inwieweit der Verein daran eine Teilschuld trägt, bleibt offen. Bleibt zu hoffen, dass sie wenigstens intern diskutiert wird.

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